Ungeplante Ausfälle, langsame Services oder Systemfehler können kritische Geschäftsabläufe zum Erliegen bringen. Aus diesem Grund gibt es das Incident Management – eine wichtige Funktion innerhalb des IT-Service-Managements (ITSM). Es hilft, solche Störungen so schnell wie möglich zu erkennen, darauf zu reagieren und sie zu beheben.
In der Praxis geht es beim Incident Management weniger darum, jeden möglichen Ausfall zu verhindern. Vielmehr steht im Mittelpunkt, die Auswirkungen eines Vorfalls zu minimieren, den normalen Betrieb schnell wieder auf Kurs zu bringen und die Geschäftskontinuität aufrechtzuerhalten.
Im Falle einer fehlerhaften Anwendung, eines Netzwerkausfalls oder eines falsch konfigurierten Endpunkts bietet effektives Incident Management eine strukturierte Methode, um Störungen unter Kontrolle zu halten.
Doch was genau ist ein Vorfall und wann spricht man von einem Problem?
Die Unterscheidung zwischen einem Vorfall und einem Problem ist im ITIL-Framework (Infrastructure Library) definiert und bildet die Grundlage für das moderne Incident Management. In diesem Artikel wird untersucht, wie diese beiden Begriffe zueinander in Beziehung stehen und wie Unternehmen effektive Incident-Management-Strategien implementieren können, die sich an den ITIL-Prinzipien und an Best Practices orientieren.
Als Teil des IT-Service-Managements bezieht sich das Incident Management auf den strukturierten Prozess, der greift, um schnell auf ungeplante Unterbrechungen oder die Verschlechterung von IT-Diensten zu reagieren. Laut ITIL 4 „besteht der Zweck des Incident Managements darin, die negativen Auswirkungen von Vorfällen zu minimieren, indem der normale Betrieb so schnell wie möglich wiederhergestellt wird“.
Gemäß der ITIL-Definition ist ein Vorfall eine „ungeplante Unterbrechung oder Qualitätsminderung eines Dienstes“. Der Schwerpunkt liegt auf einer schnellen Reaktion und der Aufrechterhaltung des Geschäftsbetriebs, damit die Benutzer unverzüglich wieder produktiv arbeiten können – gegebenenfalls mit einer vorübergehenden Übergangslösung. Die Unterscheidung zwischen Behebung und Wiederherstellung ist von entscheidender Bedeutung: Das Ziel des Incident Management besteht nicht unbedingt darin, die Ursache sofort zu beheben, sondern den normalen Betrieb schnell genug wieder aufzunehmen, um die Auswirkungen auf das Geschäft zu begrenzen.
Es ist wichtig, das Incident Management von ergänzenden Praktiken wie dem Problemmanagement zu unterscheiden. Mitunter werden diese Konzepte verwechselt oder synonym verwendet.
Kurz gesagt, befasst sich das Incident Management mit einer unmittelbaren Störung und der zeitnahen Wiederherstellung des Normalzustands. Beim Problemmanagement hingegen werden die zugrundeliegenden Ursachen ermittelt, um eine Wiederholung der Störung zu verhindern. Dieses Konzept umfasst sowohl die Untersuchung als auch die Diagnose.
Wenn ein Benutzer beispielsweise meldet, dass ein Drucker nicht funktioniert, handelt es sich um einen Vorfall. Das Ziel besteht darin, das Drucken so schnell wie möglich wieder zu ermöglichen, zum Beispiel durch einen Neustart des Geräts oder die Umleitung des Druckauftrags. Wenn dieses Phänomen jedoch immer wieder auftritt, liegt es möglicherweise an einem fehlerhaften Druckertreiber. Die Identifizierung und Aktualisierung dieses Treibers fällt unter das Problemmanagement, das sich mit dem zugrundeliegenden Zustand und nicht mit dem unmittelbaren Symptom befasst.
Änderungsmanagement ist noch etwas anderes: Dabei wird geregelt, wie Änderungen (wie Patches, neue Konfigurationen oder Upgrades) empfohlen, geprüft, genehmigt und implementiert werden. Das Änderungsmanagement steuert den Prozess, mit dem verhindert werden soll, dass neue Vorfälle ausgelöst werden. Wenn Lösungen für das Incident Management oder das Problemmanagement Systemänderungen erfordern, kommt in der Regel das Änderungsmanagement zum Einsatz, um für Stabilität zu sorgen.
Zusammen bilden diese drei Praktiken einen kontinuierlichen Verbesserungskreislauf: Das Incident Management stellt den Betrieb schnell wieder her, das Problemmanagement verhindert künftige Störungen und das Änderungsmanagement sorgt für sichere und vorhersehbare Problemlösungen.
Moderne Unternehmen sind auf einen kontinuierlichen digitalen Betrieb angewiesen und selbst kurze Unterbrechungen können schwerwiegende Auswirkungen haben. Ein einziger Systemausfall kann die Produktivität zum Erliegen bringen, Kunden frustrieren und zu messbaren Umsatzeinbußen führen. Effektives Incident Management minimiert diese Risiken, indem sichergestellt wird, dass Unterbrechungen identifiziert, nach Priorität eingestuft und auf konsistente und zeitnahe Weise behoben werden. Ein gut definierter Prozess reduziert nicht nur die Ausfallzeiten, sondern hilft Unternehmen auch, Service Level Agreements (SLAs) einzuhalten und das Vertrauen der Benutzer aufrechtzuerhalten.
Über die unmittelbare Wiederherstellung hinaus stärkt ein strukturierter Umgang mit Vorfällen die langfristige Resilienz. Jeder Vorfall wird zu einer Quelle von Erkenntnissen, die zu kontinuierlichen Verbesserungen und proaktiven Präventionsmaßnahmen führen.
Das Incident Management folgt einem strukturierten Lebenszyklus, der IT-Teams von der Feststellung einer Störung bis zur vollständigen Behebung leitet. In einem Framework wird dargelegt, wie Störungen zu behandeln sind, und es werden die Verantwortlichkeiten und Zuständigkeiten für alle Supportebenen geklärt. Zwar können die konkreten Workflows variieren, aber in den meisten Unternehmen durchläuft das Incident Management fünf Phasen.
Identifizierung des Vorfalls: Jeder Vorfall beginnt damit, dass eine Störung festgestellt wird. Dies kann durch Benutzermeldungen, automatische Warnmeldungen von Überwachungstools oder die proaktive Erkennung durch den Service-Desk geschehen. Eine frühzeitige Erkennung ist von entscheidender Bedeutung: Verzögerungen verschärfen die technischen Auswirkungen und treiben die Geschäftskosten in die Höhe. Teams mit einem hohen Reifegrad verlassen sich auf Beobachtungsplattformen und Automatisierung, um Anomalien zu erkennen, bevor sie sich bei den Benutzern bemerkbar machen.
Protokollierung und Kategorisierung: Sobald ein Vorfall erkannt wurde, wird er in einem ITSM-System festgehalten. Wenn dieser Schritt ordnungsgemäß durchgeführt wird, ist für Rückverfolgbarkeit gesorgt und Teams erhalten wichtige Daten für Trendanalysen und Compliance. Die Kategorisierung nach Service, Auswirkung und Dringlichkeit hilft bei der Festlegung von Prioritäten und der Weiterleitung, damit schnell das richtige Fachpersonal zugewiesen wird.
Erstdiagnose und Eskalation: In der ersten Supportphase wird eine Ersteinschätzung durchgeführt, um den Umfang des Vorfalls zu bestätigen und möglicherweise eine schnelle Lösung zu finden. Wenn keine Lösung erzielt werden kann, wird das Problem an Fachexperten oder an ein übergeordnetes Team weitergeleitet. Schwerwiegendere Vorfälle, die sich auf kritische Geschäftsdienste auswirken, können separate Protokolle auslösen, zum Beispiel die Benachrichtigung der Geschäftsleitung und koordinierte Reaktionsprozesse.
Untersuchung und Lösung: Die technischen Teams analysieren die Protokolle und versuchen, die Störung zu replizieren. Oder sie überprüfen kürzlich vorgenommene Änderungen, um die Ursache zu identifizieren. Es können vorübergehende Übergangslösungen genutzt werden, um den Betrieb zumindest teiweise wiederherzustellen, während dauerhafte Abhilfemaßnahmen entwickelt werden. In dieser Phase hilft die Kommunikation mit den Stakeholdern, um Erwartungen zu managen und Transparenz zu wahren.
Abschluss und Dokumentieren: Sobald die Störung behoben ist, werden die damit verbundenen Aufzeichnungen überprüft und der Vorfall wird formell abgeschlossen. Die Teams dokumentieren den zeitlichen Ablauf, die Schritte, die sie zur Behebung des Vorfalls unternommen haben, und die Erkenntnisse zur Störungsursache. Bei Überprüfungen nach einem Vorfall werden häufig Erkenntnisse gewonnen, die in künftige Präventionsstrategien und Initiativen zur kontinuierlichen Verbesserung einfließen.
Die Einhaltung eines strukturierten Lebenszyklus ermöglicht es Unternehmen, Vorfälle einheitlich zu behandeln und die MTTR zu reduzieren.
Das erfolgreiche Incident Management hängt davon ab, dass jede Rolle in diesem Prozess klar definiert ist. Wenn die Zuständigkeiten klar definiert sind, können die Teams effektiv koordinieren, Ausfallzeiten begrenzen und das Vertrauen der Benutzer aufrechterhalten.
Service-Desk-Mitarbeiter sind die erste Anlaufstelle, wenn Benutzer eine Störung bemerken. Sie erfassen Vorfälle und Diagnosedetails und führen eine erste Problembehebung durch. Ihre Fähigkeit, eine genaue Ersteinschätzung durchzuführen und zwischen simplen Bedienfehlern und echten Systemfehlern zu unterscheiden, schafft die Voraussetzung für eine effiziente Reaktion.
Incident Manager überwachen den Prozess von der Entdeckung bis zum Abschluss. Sie koordinieren die Kommunikation zwischen den Teams, setzen Prioritäten bei der Zuweisung von Aufgaben und verfolgen den Fortschritt in Bezug auf SLAs. Bei schwerwiegenden Vorfällen dienen sie auch als zentrale Instanz für die Entscheidungsfindung und halten die Geschäftsführung über den aktuellen Status auf dem Laufenden.
Technische Spezialisten kommen zum Einsatz, wenn ein Vorfall eingehend untersucht werden muss oder eine komplexere Problembehebung erfordert. Diese Fachexperten analysieren Protokolle, testen Hypothesen, entwickeln Abhilfemaßnahmen und validieren diese. Sie arbeiten eng mit den Service-Desk-Mitarbeitern zusammen, um Lösungen zu implementieren und technische Erkenntnisse als künftige Referenz zu dokumentieren.
Wenn die Störung Plattformen oder Integrationen von Drittanbietern wie Netzbetreibern oder Anbietern von Cloud-Diensten bzw. Software betrifft, werden diese möglicherweise hinzugezogen. In den Supportverträgen von Anbietern sind oftmals Eskalationspfade festgelegt, die bei einem Vorfall befolgt werden müssen.
Alle Personen, die für diese Aufgaben zuständig sind, müssen sich abstimmen, damit Vorfälle schnell und effektiv gelöst werden können. Die Service-Desk-Mitarbeiter liefern den Kontext, die Fachexperten stellen eine Lösung bereit und die Incident Manager sorgen für die Abstimmung mit den geschäftlichen Prioritäten. Durch diese Art der Zusammenarbeit verwandeln die Teammitglieder die Reaktion auf Vorfälle von reaktiven Maßnahmen zu einem strukturierten Prozess.
Um die Effektivität Ihrer Incident-Management-Prozesse zu messen, reicht es nicht aus, nur die Anzahl der abgeschlossenen Tickets zu verfolgen. Die nützlichsten Metriken zeigen, wie schnell, konsistent und effektiv Teams den Service wiederherstellen und gleichzeitig eine positive Benutzererfahrung aufrechterhalten. Strukturierte KPI (Key Performance Indicators) helfen IT-Managern, sowohl die Effizienz der Prozesse als auch die Servicequalität zu bewerten.
Die MTTR (Mean Time to Resolution) misst die durchschnittliche Dauer vom Zeitpunkt der Erfassung eines Vorfalls bis zu seinem Abschluss. Eine niedrigere MTTR zeigt, dass Teams Störungen effizient erkennen, diagnostizieren und beheben. Die Überwachung der MTTR über eine längere Zeit hilft, systembedingte Verzögerungen aufzudecken, z. B. langsame Eskalationswege oder unvollständige Dokumentation.
Die Quote für die Problembehebung beim ersten Kontakt gibt den Prozentsatz der Vorfälle an, die bei der ersten Interaktion mit dem Service Desk gelöst werden. Ein hoher Wert deutet darauf hin, dass Service-Desk-Mitarbeiter die erforderlichen Kenntnisse, Tools und Zugriffsberechtigungen haben, um gängige Probleme ohne eine Weiterleitung zu lösen. Das führt insgesamt zu einer geringeren Arbeitsbelastung und reduziert Ausfallzeiten.
Die SLA-Compliance gibt den Anteil der Vorfälle an, die innerhalb der vereinbarten SLA-Ziele gelöst werden. Diese Kennzahl stellt eine klare Verbindung zwischen IT-Leistung und den Verpflichtungen seitens des Unternehmens her und zeigt auf, wo zusätzliche Ressourcen oder Prozessverbesserungen erforderlich sein könnten, um die Erwartungen zu erfüllen.
Die Bewertung der Benutzerzufriedenheit spiegelt die menschliche Seite des Prozesses wider. Diese Kennzahl wird in der Regel durch kurze Umfragen nach der Problemlösung erfasst und gibt Aufschluss darüber, wie die Endbenutzer die Reaktionsfähigkeit und Qualität des Supportprozesses Ihres Unternehmens wahrnehmen. Ein konstanter Rückgang dieser Werte kann auf Kommunikationslücken oder wiederkehrende technische Probleme hinweisen, selbst wenn andere KPI positiv erscheinen.
Durch die kombinierte Analyse dieser Kennzahlen können Unternehmen Engpässe erkennen, Workflows optimieren und die Abstimmung zwischen zuverlässigen Services und Geschäftsergebnissen sicherstellen.
Das Management von Vorfällen hängt nicht nur von strukturierten Prozessen ab, sondern erfordert auch die richtige Technologie, um Probleme frühzeitig zu erkennen, sie effizient weiterzuleiten und datengestützte Entscheidungen zu treffen. Moderne IT-Umgebungen stützen sich auf eine Kombination aus ITSM-Plattformen, Überwachungssystemen und Automatisierungstools, um ein integriertes Incident-Response-System zu schaffen.
ITSM-Plattformen wie ServiceNow, TOPdesk und Freshservice dienen als zentraler Hub für die Verwaltung von Vorfällen, die Zuweisung von Verantwortlichkeiten und die Verfolgung des Fortschritts. Diese Systeme helfen dabei, Workflows zu vereinheitlichen und eine vollständige Rückverfolgbarkeit über alle Supportebenen hinweg zu gewährleisten. Außerdem bieten sie Dashboards und Berichtsfunktionen, die es Managern ermöglichen, Trends zu analysieren, wiederkehrende Probleme zu erkennen und Ressourcen effizienter zuzuweisen.
Überwachungs- und Beobachtungstools wie Splunk, Datadog und Zabbix erkennen potenzielle Störungen, bevor sie sich zu kompletten Ausfällen entwickeln. Durch das Erfassen und Analysieren von Protokollen, Kennzahlen und Hinweisen erzeugen diese Plattformen Echtzeitwarnungen, die automatisch Incident-Response-Workflows auslösen. Durch die Integration dieser Tools in ITSM-Systeme wird die Erkennungszeit verkürzt und die MTTR insgesamt verbessert.
Automatisierung spielt heute eine immer wichtigere Rolle bei der Bearbeitung von Vorfällen. KI-gesteuerte Assistenten können Warnunmeldungen einordnen, Ereignisse korrelieren und auf der Grundlage historischer Daten Lösungen vorschlagen. Manche Unternehmen nutzen Chatbots, um mit Benutzern zu interagieren, Diagnosedaten zu erfassen oder sogar vordefinierte Wiederherstellungsmaßnahmen durchzuführen. Diese Funktionen beschleunigen die anfängliche Reaktion, geben menschlichen Analysten Zeit für höherwertige Untersuchungen und tragen dazu bei, dass eine Abdeckung rund um die Uhr gewährleistet ist. Eine gut durchdachte Toolchain kombiniert diese Elemente: Überwachung für die Identifizierung von Problemen, ITSM für die Koordination und Automatisierung für eine hohe Bearbeitungsgeschwindigkeit.
Vorfälle sind unvermeidlich, aber Chaos muss nicht sein. Mit einem strukturierten Incident-Management-Prozess haben Sie die Kontrolle. Sie können Probleme frühzeitig erkennen, den Service schnell wiederherstellen und aus jedem Vorfall lernen. Klare Rollen, zuverlässige Kommunikation und datengestützte Verbesserungen machen den Unterschied zwischen einem vorübergehenden Ausfall und dauerhaften Auswirkungen auf das Geschäft aus.
Proaktive Teams nutzen diese Ansätze nicht nur, um schneller zu reagieren, sondern auch, um wiederholte Probleme zu verhindern und so das Vertrauen und die Kontinuität innerhalb des Unternehmens zu stärken. Plattformen für die Cyber-Wiederherstellung erweitern diese Resilienz, indem sie helfen, saubere Daten wiederherzustellen und den Betrieb nach größeren Vorfällen oder Angriffen wieder aufzunehmen.
Wenn Ihr Unternehmen noch immer auf Ad-hoc-Maßnahmen angewiesen ist, ist es jetzt an der Zeit, den Prozess zu formalisieren. Eine Investition in das Incident Management ist eine Investition in betriebliche Stabilität. Sie werden mit der Gewissheit belohnt, dass die Wiederherstellung im Falle einer Störung schnell, koordiniert und vollständig erfolgt.